Die Klinge springt mit einem leisen, singenden Klang in meine Hand. Ich kenne dieses Geräusch und ich liebe es. Der Geruch nach Angst. Das Salz von frischem Schweiß. Ja, ich konnte all dies wahrnehmen. Auch das Zittern seines Körpers. Nackte Angst in seinem Blick. Ich sollte aufhören. Noch kann ich es. Doch schon bald ist der Augenblick vergangen.
Ob ich ihn geliebt habe? Ich vermag es nicht zu sagen. Ich bin kälter als der Schnee. So viel kälter.
Ich warte ab. Mein Blick ruht auf jeder seiner Bewegungen. Geschmeidig ist er, schnell, anmutig. Aber ich bin besser. In einem wirbelnden Blitzen finden die Schwerter einander und das metallische Klirren, die aufstiebenden Funken ebnen den Weg zu seiner Brust. Ein schutzloses Herz. So einfach frisst sich der vergiftete Stahl hindurch. Nur ein Kratzer durch die Kleidung. „Spürst du das Brennen? Spürst du den Schwindel?“ flüstere ich. Das Gift lähmt sofort. Alle Muskeln erstarren, als wären sie aus Metall, wie die Rüstung, die keinen Schutz bieten konnte. Ich atme scharf die Luft ein. Es riecht nach Krankheit, nach Tod. Bekannte Begleiter auf meinem Weg. „Komm, lass mich dich küssen.“ Wir sind inmitten eines Schlachtfeldes, aber was kümmert es mich? Niemand kann mich hier berühren, ich bin die Wanderin der Toten, meine Küsse begleiten die Sterbenden, meine Hand schließt ihnen die Augen. Mein Anblick brennt sich in seine Netzhäute. Ich reiße seinen Kopf in den Nacken, küsse innig seine verblühenden Lippen. Er will sich wehren und begehrt doch nach meiner bitteren Süße. Kann ich Engel und Dämon sein?

Er ist tot. Ich gehe weiter über die saftigen Wiesen. Sie trinken das Blut der Krieger, die sich um mich herum zerstückeln, immer wieder gebe ich mich diesem sinnlosen Schauspiel hin. Alle töten sie für mich. In meinem Namen, zu meinen Ehren. Sie zahlen einen Preis, für den sie nichts bekommen. Ihre Schreie hallen laut durch die Zeit, aber ich bin taub für sie geworden. Einzig das Stöhnen der Sterbenden dringt noch an mein Ohr und ich nehme den letzten Atemzug eines Jeden in mir auf. Wie könnten sie Ruhe finden, wenn nicht in meinen Armen?
Es ist tiefste Nacht, doch der Krieg dauert an. Sie zermatern ihre Seelen um Gnade vor meinen Augen zu finden. Ich blinzle in die Sterne. Sie sind nicht länger unerreichbar. Wenn ich die Leichen auf einen Haufen schichte und diesen erklimme, kann ich die Sterne vom Himmel holen. Schweigen deckt meinen Körper zu. Seltsam, meine Haut so makellos. Keine Narbe, keine Zierde. War ich jemals zuvor so schön?
Wie beiläufig fällt der Kopf eines meiner Untertanen. Ich wische meine Klinge an seinem Mantel ab. Was bedeutet er mir? Nichts. Er hätte ein Feind sein können, aber hier spielen die Seiten keine Bedeutung mehr.
Gnade gewähre ich dem, der mich belustigt. Wer mich bei sich vergessen lässt, den verschone ich. In Ketten liegen sie mir bei. Zu meinen Füßen, ausgeliefert in ihrem blinden Hoffen mich besitzen oder verstehen zu können. Sie sind so naiv. Meine Kinder. Ich habe sie erschaffen, unter meinen Händen geformt. Ich bin Mutter und Schlächter. Welch Ironie liegt doch in dem Irrglauben des freien Willens. Welch Schönheit liegt in ihrer unerfüllten Sehnsucht.
Ich gebe mich kurz hin, küsse die sterbenden Lippen, lecke das Blut von den gerissenen Wunden. Ach könnte ich sie nur lieben, könnte ich doch eine von ihnen sein. Blind, naiv, aber hoffend, mit Sehnsucht.
Mein Dolch zerfetzt die Kehle des nächsten. Verzweiflung oder kühle Berechnung? Sie erdulden meinen Zorn ohne ein Wort der Klage, beten unter mir sterben zu dürfen, wie sie auch unter mir zu leben wünschen. Blut besudelt meine Kleider. Und doch bin ich die Reinheit, die Unschuld. Meine weißen Gewänder verhüllen die Makellosigkeit.
Ich spalte das Eis auf, bette mich darunter. Sie starren auf mich herab. Nun bin ich noch unberührbarer geworden. Von meinen Händen strömt die unmenschliche Hitze, verwandelt die letzten Schollen auf die sie sich retten konnten in Wasser. Sie ertrinken jämmerlich und ich blicke durch mein Eis zu ihnen auf. Kühle, leblose, seelenlose Augen. Ich versuche mir einzureden für Gott zu töten. Ihnen vor Augen zu halten, das sie letztlich sterblich sind. Und das sie in Allmacht verblassen müssen. Aber ich vernichte sie für mich. Ihr Schmerz nährt mich, obgleich er mich nicht einmal berührt. „Memento mori“ Bedenke, dass du sterblich bist. Ich bin ihre Erinnerung, aber wer erinnert mich daran? Kein Gegner ist mir mehr ebenbürtig und ihr Blut fließt von mir ab, wie Wasserperlen auf glatter Oberfläche. Auf die Knie. Dankt eurer Göttin, die euch Leben und Tod bedeutet. Was ist schon dabei? Sich hinzugeben.
In meinem Kopf jagen sich die Gedanken. Ich suche nach meinen Träumen und finde sie niedergelegt, auf dem Schlachtfeld, verbrannt, zerfetzt, ihrer Anmut und Schönheit beraubt. Ich wünschte ich könnte um sie weinen. Aber mit ihrem Tod triumphiert lediglich die Sucht nach dem Schmerz, dem Extrem, dem leblosen und der Faszination des Morbiden.
Ein kräftiger Ruck an den Fäden, meine Puppen erheben sich. Zerschlagen, zerschunden, nur von mir am Leben gehalten. Nichts als Knochen, Sehnen, darüber gespannte Haut. Die Karikatur menschlichen Lebens. Wieder und wieder öffnen sich ihre Münder, doch in jeder Kehle sind die Stimmbänder durchtrennt. Huldigt mir, aber huldigt mir stumm, da ich die Stimmen nicht ertrage.

Mit einem Lächeln ziehe ich die Kapuze meiner Robe tiefer ins Gesicht. Hinter mir zerbricht das Kartenhaus, das ich um sie errichtet hatte. Ein Puppenhaus, das nicht länger gehalten wird.
Eine Welt stirbt in Melancholie. Und ich ziehe weiter, zur nächsten Kampfstätte um dem zu dienen, der besser ist als ich, den zu fordern, dessen Magie mich unterwirft, den zu suchen, der mich im Kampf sterben sehen will und kann. Denn nur so findet die Kriegerin Ruhe in den Feuern der Hölle. Raureif versiegelt meine Lippen für die schwarz-weiße Welt. Flammen verhüllen mein Antlitz, das zu sehen niemand mehr ertragen würde. Wasser umfließt mich, als Schutz vor jedem Angriff, ein Siegel und ein Fluch.
Immer weiter, weiter. Im Reich des seelenlosen Mädchens.