Es war einmal ein kleines Mädchen, welches ihr ganzes Leben in großer Armut verbracht hatte, ihre Eltern waren schon lang nicht mehr am Leben, doch rettete sich das Kind mit einer Stelle am altertümlichen Königshof in grauer Vorzeit, in welchem sie als Magd dem eitlen Fürsten dienen musste, um nicht den schrecklichen Hungerstod zu erreichen.
Im hinteren Teil des Königshofes, in dem nicht reges Leben herrschte, sondern viel mehr die Stille regierte, befand sich ein riesiger Garten, über und über von Pflanzen bewachsen, steinerne Wege, welche, nach Gerüchten zu Folge, aus puren Edelsteinen bestehen sollte und allerlei Krabbelgetier. Es war den Bediensteten des Schlosses nicht gestattet, sich in der wenigen freien Zeit, die sie verbrachten, hier aufzuhalten, denn dieses kleine Paradies war lediglich dem Fürsten selbst vorbehalten.
Das kleine Mädchen jedoch, welches von ihrer Großmutter früher den Namen Gabrielle erlangt hatte, wurde im frühen Alter beauftragt, sich um die Pflanzen des Garten zu kümmern, bei denen es sich um keine geringeren handelte, als die Lieblingsblumen des Fürsten persönlich: Rosen. Ja gewiss war der ganze Garten über und über mit leuchtend, roten Rosen bewachsen, hoch, höher rankten sie sich um die Stämme der wenigen Bäume, wuchsen und gediehen. Eine solch hohe Aufgabe wurde gewiss nicht jedem überlassen, dass Gabrielle selbst die Auserwählte der armen Knechtschaft war, hätte sie niemals geglaubt, doch liebte sie die roten Rosen ebenso, wie der große Fürst es tat, immerzu verbrachte sie ihre Zeit unter sonnigem, oder bewölktem Himmel, kümmerte sich um die Pflanzen und sprach sogar zu ihnen, denn sie wurden vom kleinen Mädchen als ihre einzigen Freunde angesehen. Wie auch, sollte sie jemals welche gehabt haben? Seit dem Tod ihrer letzten Angehörigen war sie eben einsam, verschlossen und schüchtern, nie würde sie es wagen, jemand Fremden so einfach anzusprechen.
Die Jahre vergingen und das Mädchen wuchs heran, zu einer jungen, schönen Frau, weiterhin konnte sie nicht ohne die Rosen im Garten sein, sie liebte sie fast, wie eine Familie, die einzigen, die sie verstanden. Doch sollte ihr das Glück nicht mehr lang hold sein.
Eines kalten Tages, nämlich, gelangte die Magd in den Garten und erblickte all die Rosen, mit hängenden Köpfen, erstarrt und erfroren tot und leblos in ihren Beeten, der nächtliche Frost hatte ihnen das Leben ausgehaucht.
Das Mädchen wurde bittertraurig, denn es war an ihr gewesen, ein solches zu verhindern, doch wie sollte es möglich sein? Der Fürst jedoch, der alles aus sicherem Abstand bemerkt hatte, war ein grausamer, egoistischer Mann. Er ließ zum Mittag hin, die arme Magd zu sich rufen, sie abführen, dass sie vor ihm auf die Knie gehen musste und sprach mit strenger, genügsamer Stimme:
„Du hast es zugelassen, dass meine Liebe, meine Pflanzen, meine Rosen sterben, du hast es auf dem Gewissen, dass mein Garten von nun an weder schön, noch prächtig ist. Dafür sollst du bestraft werden, mit diesen Worten sollst du verurteilt sein, zum Tode.“ So sprach’s der böse Fürst und deutete mit seinem beleibten, speckigen Finger auf das zierliche Wesen auf dem Boden vor sich. Die Magd jedoch faltete die Hände, bat und bettelte, ihr das Leben zu lassen, da dies doch das einzige war, was sie noch besaß.
Im Angesicht seines Personals, stand der Fürst nicht gern als Unmensch da, er lächelte jedoch mit einem hinterlistigen Gedanken.
„So sollst du nun noch nicht den Tod finden, denn ich möchte dir eine Möglichkeit geben. Ich werde dir eine Aufgabe stellen, eine Aufgabe, die eines guten Gärtners würdig ist, denn du sollst meine Rosen zum Leben erwecken. Blühen sie wieder am folgendem Tage, wenn die Sonne aufgeht und meine Ländereien in einen samtenen Glanz tauchen, so wirst du frei sein, ist dies jedoch nicht der Fall, so wirst du schon in der Abenddämmerung dem Henker vorgeführt, dass du den schnellen Tod finden wirst.“, so sprach er mit fester, gebieterischer Stimme, als habe er die Macht der Welt in seinem Herzen getragen.
Am Abend saß die Magd im Rosengarten, eine der spärlichen Rosen in der Hand haltend, weinte sie bittere Tränen, wie sollte es möglich sein, eine solch schwere Aufgabe zu lösen? Es war unmöglich, so schloss sie die Augen und bat zu Gott, dass er ihr einen Engel schicken möge, der ihr helfen solle, eine Lösung zu finden, dem Tod zu entrinnen. Stunde um Stunde verging, die pechschwarze Nacht lag über den Hügeln, die abendliche Sonne war schon längst verschwunden, ins Reich der Träume um den Weg der Träumenden zu erhellen, als sich mit einem Mal eine Hand auf die knochige Schulter des armen Mädchens legte.
„Ich kann toten Blumen zwar kein neues Leben schenken, aber ich möchte dir helfen, deines zu retten, frommes Kindlein.“, sprach eine sanfte, mütterliche Stimme hinter ihr. Es war eine hoch gewachsene, wunderschöne Engelsdame, den schlanken Leib eingehüllt in ein helles Gewand und spendete der traurigen Magd Trost und die Liebe, die mit ihr gesandt wurde.
„Oh gütiger Engel, spreche zu mir und sage mir, wie kann ich dem Tod entrinnen?“, fragte die Arme mit hoffnungsvoller Stimme.
„Kind“, erklang es erneut aus der reinen Kehle, „du selbst kannst Teil der Schönheit sein, eine Rose, rein, bescheiden und wunderschön, bewundert und blühend, so lang, bis die Gefahr vorbei ist, als die Rose der ewigen Liebe.“
Lange überlegte die Magd, sie sollte ihre unbeschwerte, geknechtete Jugend hergeben, für dieses trostlose Leben? Es war die letzte Möglichkeit, so willigte sie letztendlich ein. Der Engel hob die Hand, legte sie auf das Haupt der Magd und mit einem Mal spürte das Mädchen die Liebe und Fürsorge, die niemals jemand ihr gegeben hatte, doch nahm ihre Größe ab, ihre Schönheit prägte sich weiter aus, bis wenig später eine hoch gewachsene Rose, blutrot und wunderschön im Beet des königlichen Garten stand und mit einem Mal spürten all die anderen Rosen, welche noch leblos dagelegen hatten, die tiefste Verbundenheit zur Rose der Liebe, welche nun still und stumm wuchs, lebte und blieb, wie sie war. Mit einem Mal hoben all die anderen schönen Roten die Köpfe, als ob sie lächeln würden, wuchsen, die braunen, trockenen Blätter wurden grün und saftig, die schlaffen Blütenblätter rot und kräftig, strahlten ein Licht und eine magische Wärme aus, zum Zeichen der wirklichen Liebe zueinander.
Als der Fürst am nächsten Morgen erwachte, traute er seinen Augen kaum, sein Garten war prächtiger und viel schöner als zuvor, so prächtig, dass er dem hohen Gott persönlich gehören könnte. Als er die Magd rufen lassen wollte, um zu erfragen, wie sie dieses bemerkenswerte Wunder verbracht haben mag, wurde ihm geantwortet, dass das Bett des Mädchens leer, das Zimmer unausgeräumt und das Mädchen selbst verschwunden war. So weit er auch das Land durchstreifen ließ, so wurde das Kind niemals gefunden, nur bemerkte er, als er eines wunderschönen Sommertages durch die Gärten ging, wie viel sie ihm wirklich bedeutet hatte, und fand eine Rose, die so schön war, so stolz und so wunderbar, als wäre sie das Produkt der Liebe persönlich, liebevoll grub er sie aus und stellte sie in seine Kammer. Jetzt erkannte er, dass er die wahre Figur der Rose längst erkannt hatte, dass er ihr schon immer seine Liebe versprochen hatte und er sie ihr niemals wieder sagen würde.